Reinhard von Brunn hält sich bei seiner Rede am Synagogenplatz ans Grundgesetz

Vor 79 Jahren brannte die Synagoge in der Tübinger Gartenstraße. Das war nur der Anfang. Plünderung, Vertreibung und Massenmord folgten. Um die 100 Bürger kamen zum jährlichen Gedenken bei nächtlichem Nieselregen am 9. November 2017.

Alle schwiegen ergriffen, als Charlotte Siegmann und Maximilian Eberhard, Vertreter des Jugendgemeinderats, die lange Liste der Namen von jüdischen Mitbürgern verlasen, die in Auschwitz, Riga und Theresienstadt umgebracht wurden. Der Gemeinderat wurde in diesem Jahr vertreten vom Vorsitzenden der Tübinger Liste, Reinhard von Brunn. Hier seine Rede:

<<Liebe Tübinger Mitbürgerinnen und Mitbürger,

lassen Sie mich in dieser Gedenkstunde einige persönliche Worte an den Anfang stellen.

Ich wohne in der Gartenstrasse, in dem 1925 von meiner Großmutter erbauten Haus, und komme täglich hier am Synagogenplatz vorbei. Oft frage ich mich, wie meine Großmutter, ihre fünf Kinder und die Nachbarn den Brand der Tübinger Synagoge in den Morgenstunden des 10. November 1938 erlebt haben.

Hat es sie erschüttert? Haben sie sich empört, wenigstens innerlich? Ich wünschte es mir.

Oder war es ihnen gleichgültig, schlimmer, wurde das Verbrechen vielleicht als “gerechte Strafe” gegenüber den Juden erlebt? Was wurde in der Nachbarschaft gesprochen, wie hat man sich gegenüber den jüdischen Mitbürgern verhalten?

Mein Vater und zwei seiner Brüder sind gefallen, meine Großmutter früh verstorben. Ich konnte sie nicht fragen. Dass ich aus einer christlich geprägten Familie stamme, ist leider keine Garantie für Toleranz und Zivilcourage.

Wie zwiespältig das Verhältnis gerade der evangelischen Christen gegenüber den Juden bis in unsere Zeit ist, ist uns in diesen Tagen anlässlich vieler Luther-Veranstaltungen schmerzlich ins Gedächtnis gerufen worden.

Wir sollten uns daher immer wieder selbstkritisch fragen, nach welchem Werte-Kodex wir leben, mit welchen Idealen wir unsere Jugend erziehen. Welche Werte und welche Haltung hätten im Nationalsozialismus und auch schon in früheren Jahrhunderten verhindern können, dass Mord und Willkür die Welt immer wieder aus den Angeln hebt?

Wie gehen wir in Tübingen mit der jüngsten Vergangenheit um?

Eine Antwort gibt die heutige Gedenkstunde. Sie findet seit 1992 statt, und sie ist nicht überflüssig. Ganz im Gegenteil. Wiederkehrende Erinnerung prägt neue Tradition.

Und dieses lebendige Überliefern ist um so wichtiger, als die Zeitzeugen des Holocaust sterben und seit dem Zweiten Weltkrieg immer neue Völkermorde die Erde überziehen.

Wir sind froh, dass wir in Tübingen eine Reihe von Vereinen haben, die sich aktiv mit der jüdischen Kultur und Religion befassen, dass Einrichtungen wie die Geschichtswerkstatt, Vereine, Volkshochschule und Kirchengemeinden die Vergangenheit lebendig halten. Besonders wichtig erscheint mir, dass gerade Jugendliche zum Erinnern angeleitet werden, sei es als Jugend-Guides oder bei der Bearbeitung des Lebenswerks von Frauen wie Lilly Zapf.

Erinnerung braucht auch sichtbare Zeichen im Stadtbild. In den letzten Monaten hat der Gemeinderat im Güterbahnhof-Areal drei Strassen nach ehemaligen jüdischen Mitbürgern benannt, nach Hanna Bernheim, Max Löwenstein und Josef Wochenmark. Drei Opfern des NS-Regimes werden so ihre Namen zurück gegeben – wenigstens in Gestalt von Strassenschildern.

Mitte September stimmte der Kulturausschuss des Gemeinderats mit großer Mehrheit zu, dass auch in der Innenstadt Stolpersteine zum Gedenken an die Opfer der NS-Zeit verlegt werden können.

Dies hat mich besonders gefreut, denn die Messing-Quader lassen inne halten und regen zum Nachdenken und Nachfragen an. Und sie sind ein europäisches Erinnerungsprojekt, in das sich Tübingen einreiht. Ich bin in diesem Jahr in Graz, Görlitz und Breslau auf sie gestoßen. Es gibt sie in 21 europäischen Ländern. Gedankt sei den rührigen Mitgliedern der Stolperstein-Initiative Tübingen, die die Verlegung möglich machen.

Schliesslich sind auch die Stelen des Pfades zur Geschichte des Nationalsozialismus weithin sichtbare und viel beachtete Erinnerungsmale in Tübingen.

Eine abschließende Bemerkung:

Mehr als 33% der Deutschen gehören keiner Religionsgemeinschaft an, 60% sind Christen, 2015 wurde die Anzahl der Muslime auf 5,7% der Bevölkerung geschätzt. Buddhisten, Hindus, Sikhs, Jesiden, Bahais und Juden machen zusammen nur 1% aus. Welches Wertegerüst und welche Religion garantiert hier und heute, dass wir nicht wieder mobben und morden?

Zum Glück ist das Grundgesetz eine verbindliche und verpflichtende Grundlage für alle, die hier leben. Und dort steht:

“Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt” (Art. 1). …Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich… Niemand darf wegen seines Geschlechts, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden…” (Art. 3)

Es ist wichtig, dass wir uns jeden November hier versammeln, Kerzen anzünden, Blumen auf die verbaute Synagogentreppe stellen.

Aber noch wichtiger ist es, dass wir uns in den restlichen elf Monaten fragen, ob wir unseren Werte-Kompass richtig eingestellt haben. Ob wir dem Bekenntnis des Grundgesetzes auch Taten folgen lassen. Und entsprechend handeln. Anlässe dazu gibt es auch heute mehr als genug.>>

 

RTF 1, 10. November 2017

Nie wieder – Tübinger gedachten den Opfern der NS-Zeit

Die Tübinger Synagoge in der Gartenstraße brannte in der Nacht vom 9. auf den 10. November des Jahres 1938 bis auf ihre Grundmauern nieder. Die Feuerwehr war rechtzeitig zur Stelle. Allerdings nicht um den Brand zu löschen, sondern um dafür zu sorgen, dass das Feuer nicht auf umliegende Häuser übergriff. 79 Jahre nach der Reichspogromnacht trafen sich knapp hundert Menschen dort wo die Synagoge einst stand, um den Opfern der dahmaligen Zeit zu Gedenken.

Die Redner sprachen nicht nur über die Opfer der NS-Zeit. Sie plädierten auch alle dafür, dass der Rassismus in Deutschland Teil der Vergangenheit bleibt und keine Basis in der Zukunft findet. Gerade jetzt, da eine Partei wie die AfD im Bundestag vertreten ist, seien Veranstaltungen wie diese wichtiger denn je. David Holinstat von der israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg zeigt sich darüber besorgt, dass die AfD im Bundestag vertreten ist. Reinhard von Brunn, dem Vorstand der Tübinger Liste, war es in seinem Redebeitrag vor allem wichtig, die gemeinsamen Werte aller Deutschen herauszuarbeiten. Mit diesen Werten sei es möglich, auch einer Partei wie der AfD zu begegnen. Eine Basis für diese Werte biete das Grundgesetz. Hier ist festgehalten, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind. Um seinen Beitrag dazu zu leisten, dass das auch in Zukunft so bleibt, möchte David Holinstat weiterhin an die Vergangenheit erinnern und derer gedenken, die ihr zum Opfer gefallen sind. Denn je weiter sich die Menschen von der Geschichte entfernen, desto mehr würden sie den persönlichen Bezug zu ihr verlieren. Deshalb sei es wichtig der nächsten Generation so viel wie möglich über die Geschichte beizubringen. Alle Teilnehmer der Gedenkveranstaltung schwiegen, als Charlotte Siegmann und Maximilian Eberhard vom Jugendgemeinderat die Liste derjenigen Tübinger verlasen, die zu dieser Zeit aufgrund ihrer jüdischen Abstammung ermordet worden waren. Zum Abschluss der Gedenkveranstaltung versammelten sich die Teilnehmer in der Stiftskirche, um beim gemeinsamen Gottesdienst an diejenigen zu erinnern, die damals durch Rassismus und Antisemitismus ihr Leben lassen mussten.”

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